Als der Commodore 64 im Januar 1982 auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas vorgestellt wurde, ahnte niemand, dass dieses Gerät zum meistverkauften Heimcomputer der Geschichte werden würde. Doch der Weg dorthin begann Jahre zuvor – mit strategischen Entscheidungen, technischen Innovationen und einem Marktumfeld, das sich rasant veränderte.

1. Ausgangslage: Commodores strategische Position Anfang der 80er

Commodore befand sich Anfang der 1980er in einer ungewöhnlichen Situation. Durch die Übernahme des Chip-Herstellers MOS Technology im Jahr 1976 verfügte das Unternehmen über eine eigene Halbleiterfertigung. Das war ein entscheidender Vorteil: Commodore konnte Prozessoren und Spezialchips günstiger herstellen als die Konkurrenz.

Wesentliche Ausgangspunkte:

  • MOS 6502-Prozessorfamilie bereits im Einsatz in VIC‑20, Atari 2600 und Apple II
  • Preisverfall im Heimcomputermarkt
  • Starker Wettbewerb durch Atari, Texas Instruments und Apple
  • Ziel: Ein leistungsfähiger Computer unter 600 US‑Dollar

Jack Tramiel, Commodores CEO, formulierte die Strategie klar: „Computers for the masses, not the classes.“

2. Die Entwicklung: Von der Idee zum Prototyp

Die Entwicklung des C64 begann 1981 im MOS‑Labor in West Chester, Pennsylvania. Zwei zentrale Bausteine entstanden dort:

Der VIC‑II Grafikchip (6567/6569)

  • Hardware-Sprites (8 Stück)
  • 16 Farben
  • Smooth Scrolling
  • 320×200 Pixel Auflösung
  • Rasterinterrupts für fortgeschrittene Effekte

Der VIC‑II war ursprünglich für eine neue Spielekonsole vorgesehen, wurde aber für den C64 umfunktioniert.

Der SID‑Chip (6581)

Entwickelt von Bob Yannes, einem Ingenieur mit musikalischem Hintergrund. Technische Merkmale:

  • Drei unabhängige Stimmen
  • Verschiedene Wellenformen (Dreieck, Sägezahn, Rechteck, Rauschen)
  • Analoge Filtersektion
  • ADSR-Hüllkurven

Der SID‑Chip war seiner Zeit weit voraus und wurde zum Markenzeichen des C64.

Der Prozessor

  • MOS 6510, eine Variante des 6502

  • Taktfrequenz: ca. 1 MHz (PAL: 0,985 MHz / NTSC: 1,023 MHz)

  • Integrierter I/O‑Port zur Speicherbankumschaltung

Der Speicher

  • 64 KB RAM – für 1982 ein außergewöhnlich hoher Wert

  • Möglich durch Commodores eigene RAM‑Produktion

3. Markteinführung 1982: Preis, Ausstattung und Positionierung

Der C64 wurde 1982 für 595 US‑Dollar angekündigt. Bereits 1983 fiel der Preis auf unter 300 Dollar. Commodore setzte auf aggressive Preispolitik, um Konkurrenten wie Texas Instruments (TI‑99/4A) aus dem Markt zu drängen.

Lieferumfang:

  • C64‑Hauptgerät

  • BASIC V2 im ROM

  • 1541 Diskettenlaufwerk oder Datasette als Zubehör

  • Optional: 1701/1702 Monitor

Der C64 wurde sowohl über Elektronikmärkte als auch über Kaufhäuser vertrieben – ein wichtiger Faktor für seine Verbreitung.

4. Technische Architektur im Überblick

CPU

  • MOS 6510 @ ~1 MHz

  • 16‑Bit Adressraum, 8‑Bit Datenbus

RAM/ROM

  • 64 KB RAM

  • 20 KB ROM (BASIC, KERNAL, Zeichensatz)

Grafik

  • VIC‑II

  • 16 Farben

  • Multicolor‑Modus

  • Sprites

  • Rasterinterrupts

Sound

  • SID 6581

  • 3 Stimmen

  • Filter (Tiefpass, Hochpass, Bandpass)

I/O

  • Userport

  • Joystickports

  • Modulport

  • IEC‑Bus für Laufwerke und Drucker

5. Software und Ökosystem

Der C64 profitierte von einer enormen Softwarebasis. Bereits 1983 erschienen hunderte Programme, darunter:

  • Textverarbeitung (z. B. „GEOS“ später)

  • Tabellenkalkulationen

  • Programmiersprachen (Assembler, Pascal, Logo)

  • Spiele aller Genres

  • Musiksoftware (Soundmonitor, später SID‑Tracker)

Der offene Modulport erleichterte die Entwicklung von Erweiterungen und Spielen.

6. Der Markt: Konkurrenz und Dominanz

Wichtige Wettbewerber:

  • Atari 400/800

  • Apple II

  • TI‑99/4A

  • Sinclair ZX Spectrum

Der C64 setzte sich aus mehreren Gründen durch:

  • Günstige Produktion durch eigene Chipfertigung

  • Überlegene Grafik- und Soundfähigkeiten

  • Große Softwareauswahl

  • Aggressive Preisstrategie

  • Weltweite Verfügbarkeit

Bis 1985 dominierte der C64 den Heimcomputermarkt in Nordamerika und Europa.

7. Produktionszahlen und Lebensdauer

Der C64 wurde von 1982 bis 1994 produziert – eine außergewöhnlich lange Zeitspanne. Schätzungen gehen von 12 bis 17 Millionen verkauften Einheiten aus, je nach Quelle.

Varianten:

  • C64 „Brotkasten“

  • C64C (flacheres Gehäuse, neuer SID‑Chip 8580)

  • C64G

  • C64 Aldi‑Version

  • SX‑64 (tragbarer C64 mit integriertem Monitor)

8. Bedeutung und Einfluss

Der C64 war nicht nur ein Heimcomputer, sondern ein technologisches Fundament für:

  • frühe Spieleentwicklung

  • Demoszene

  • Musikproduktion (SID‑Sound)

  • Programmierkarrieren

  • Heimcomputer‑Kultur der 80er

Viele spätere Entwickler, Ingenieure und Designer begannen ihre Laufbahn auf diesem Gerät.

9. Fazit

Der Commodore 64 war das Ergebnis einer klaren Strategie, innovativer Chipentwicklung und eines aggressiven Marktauftritts. Seine technische Ausstattung, sein Preis und seine Verfügbarkeit machten ihn zum dominierenden Heimcomputer der 80er Jahre. Die Kombination aus VIC‑II, SID und 64 KB RAM setzte Maßstäbe, die weit über seine Ära hinaus wirkten.