Die Entstehungsgeschichte des Commodore 128 – vom C64-Erbe zum letzten großen 8‑Bit‑System

Als Commodore Mitte der 1980er Jahre den Commodore 128 (C128) vorstellte, war der Heimcomputermarkt bereits deutlich gereifter als zu Zeiten des C64. Der C64 dominierte zwar weiterhin die Verkaufszahlen, doch der Druck durch leistungsfähigere 16‑Bit‑Systeme wie den Atari ST und den Amiga wuchs. In genau diesem Spannungsfeld entstand der C128: als Versuch, die riesige C64‑Basis mitzunehmen, gleichzeitig aber ein moderneres, professionelleres 8‑Bit‑System anzubieten, ohne den bestehenden Markt zu gefährden.

Ausgangslage: Ein erfolgreicher Vorgänger und ein schwieriger Markt

Der C64 war Anfang der 80er Jahre ein enormer Erfolg. Millionen verkaufter Geräte, eine riesige Softwarebibliothek und eine starke Präsenz im Handel machten ihn zum Standard-Heimcomputer seiner Zeit. Doch Commodore stand vor mehreren Herausforderungen: Der C64 war technisch in die Jahre gekommen, der 16‑Bit‑Wettbewerb rückte näher, und im professionellen Umfeld wirkten 40‑Zeichen‑Bildschirme und eingeschränkte Textdarstellung zunehmend unzeitgemäß. Gleichzeitig durfte ein Nachfolger den C64‑Markt nicht zerstören, denn dieser war nach wie vor eine wichtige Einnahmequelle.

Die zentrale Frage lautete daher: Wie entwickelt man ein neues System, das moderner wirkt, aber die bestehende C64‑Basis nicht abschneidet? Die Antwort war der C128 – ein Rechner, der bewusst als „Mehrmodus-System“ konzipiert wurde und den C64 nicht ablösen, sondern ergänzen sollte.

Die Entwicklung: Designziele und Team

Die Entwicklung des C128 begann im Wesentlichen 1984. Ein zentrales Ziel war vollständige C64‑Kompatibilität, kombiniert mit erweiterten Fähigkeiten für ernsthafte Anwendungen. Das Entwicklerteam um Bil Herd und andere Ingenieure bei Commodore arbeitete unter hohem Zeitdruck, da der Rechner rechtzeitig zur Consumer Electronics Show (CES) im Januar 1985 vorgestellt werden sollte.

Die Designziele lassen sich grob in drei Bereiche einteilen:
Kompatibilität: Der C128 sollte nahezu alle C64‑Programme ausführen können.
Erweiterung: Mehr Speicher, bessere Textdarstellung, erweiterte BASIC‑Funktionen und zusätzliche Hardware sollten ihn für Büro‑ und Semi‑Profi‑Anwendungen attraktiver machen.
Flexibilität: Durch mehrere Betriebsmodi sollte der Rechner verschiedene Zielgruppen ansprechen – vom C64‑Spieler bis zum CP/M‑Nutzer.

Diese Ziele führten zu einer Architektur, die für einen 8‑Bit‑Heimcomputer ungewöhnlich komplex war: zwei Prozessoren, zwei Grafikchips, mehrere Betriebsmodi und ein deutlich erweitertes BASIC im ROM.

Architektur und Kernkomponenten

Im Zentrum des C128 stand der 8502‑Prozessor, eine weiterentwickelte Variante des 6502/6510, die mit bis zu 2 MHz betrieben werden konnte. Ergänzt wurde er durch einen Z80‑Prozessor, der vor allem für den CP/M‑Betrieb zuständig war. Diese Dual‑CPU‑Lösung war ein wichtiges Verkaufsargument, da CP/M zu dieser Zeit noch im professionellen Umfeld verbreitet war und Zugang zu einer großen Bibliothek an Business‑Software bot.

Der C128 verfügte über 128 KB RAM – doppelt so viel wie der C64. Durch Bank‑Switching konnten verschiedene Speicherbereiche für unterschiedliche Zwecke genutzt werden, etwa für Bildschirm, System, CP/M oder Anwendungen. Im Vergleich zum C64 war die Speicherverwaltung deutlich komplexer, aber auch flexibler.

Auf der Grafikseite kombinierte der C128 zwei Welten: Für 40‑Zeichen‑Darstellung und C64‑Kompatibilität kam ein weiterentwickelter VIC‑IIe‑Chip zum Einsatz, der im Wesentlichen die Fähigkeiten des C64‑VIC‑II beibehielt. Für 80‑Zeichen‑Text und höher aufgelöste Darstellungen war der VDC‑Chip (8563, später 8568) zuständig, der ein separates Videospeicher‑Subsystem nutzte. Damit konnte der C128 sowohl klassische 40‑Zeichen‑Ausgaben als auch professionelle 80‑Zeichen‑Bildschirme bedienen – ein wichtiges Argument für Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und andere Büroanwendungen.

Der Sound blieb bewusst kompatibel: Der bekannte SID‑Chip (meist 6581, später 8580) sorgte dafür, dass C64‑Software mit Soundausgabe auch auf dem C128 funktionierte und dass der Rechner im Spielebereich nicht an Attraktivität verlor.

Drei Betriebsmodi: C128, C64 und CP/M

Eine Besonderheit des C128 war seine Fähigkeit, in drei unterschiedlichen Modi zu arbeiten:

C128‑Modus: Der Standardmodus beim Einschalten. Hier standen 128 KB RAM, BASIC 7.0 und die erweiterten Fähigkeiten des Systems zur Verfügung. Dieser Modus war für neue Software gedacht, die speziell den C128 ausnutzen sollte.

C64‑Modus: Durch einen Befehl oder eine bestimmte Tastenkombination beim Einschalten konnte der C128 in einen nahezu voll kompatiblen C64‑Modus wechseln. In diesem Modus verhielt sich der Rechner weitgehend wie ein C64, mit 64 KB RAM, VIC‑II‑Grafik und C64‑BASIC‑Umgebung. Das war entscheidend, um die bestehende Softwarebasis weiter nutzen zu können.

CP/M‑Modus: Über den integrierten Z80‑Prozessor konnte der C128 CP/M 3.0 ausführen. Damit wurde der Rechner für Anwender interessant, die auf CP/M‑Software wie Textverarbeitung, Datenbanken oder Entwicklungswerkzeuge zugreifen wollten. In der Praxis war dieser Modus jedoch von der verwendeten Peripherie (insbesondere Diskettenlaufwerken) und der Performance abhängig und wurde weniger stark genutzt als ursprünglich erhofft.

Diese Mehrmodigkeit war ein technisches Alleinstellungsmerkmal, machte die interne Architektur aber auch deutlich komplexer als bei vielen Konkurrenzsystemen.

BASIC 7.0: Ein deutlich erweitertes Betriebssystem im ROM

Ein weiterer wichtiger Baustein des C128 war BASIC 7.0 im ROM. Während der C64 mit BASIC 2.0 ausgeliefert wurde, das kaum direkte Unterstützung für Grafik, Sound oder Diskettenoperationen bot, ging Commodore beim C128 einen anderen Weg. BASIC 7.0 enthielt zahlreiche neue Befehle, die den Zugriff auf Grafikfunktionen, Sound, Sprites, Diskettenlaufwerke und andere Systemressourcen erleichterten.

Beispiele für Erweiterungen waren Befehle für:
– Grafikmodi und Bildschirmsteuerung
– Sounderzeugung über den SID‑Chip
– Diskettenoperationen (z. B. Directory‑Zugriff, Formatierung)
– Sprites und Bildschirmpositionierung

Damit war der C128 im Auslieferungszustand deutlich besser für ernsthafte Programmierarbeit und Systemsteuerung geeignet als der C64, der für viele Aufgaben auf externe Module oder eigene Routinen angewiesen war.

Hardwarevarianten: Desktop und tragbare Version

Der C128 erschien in mehreren Varianten. Die bekannteste ist der klassische C128 im flachen Gehäuse mit separater Tastatur und externem Netzteil, der optisch bereits näher an Bürorechner und frühe PCs heranrückte als der „Brotkasten“-C64.

Daneben gab es den C128D, eine Desktop‑Variante mit eingebautem 1571‑Diskettenlaufwerk und festem Gehäuse, bei der die Tastatur abgesetzt war. Später folgte der C128DCR (Cost Reduced), bei dem einige interne Komponenten überarbeitet und kostengünstiger umgesetzt wurden. Diese Desktop‑Modelle zielten stärker auf den semi‑professionellen und Bürobereich, in dem integrierte Laufwerke und robustere Gehäuse gefragt waren.

Peripherie und Laufwerke

Parallel zum C128 spielte die Diskettenlaufwerks‑Generation eine wichtige Rolle. Besonders relevant war das 1571‑Laufwerk, das im Gegensatz zum weit verbreiteten 1541‑Laufwerk beidseitig lesen und schreiben konnte und für den CP/M‑Betrieb optimiert war. Es unterstützte verschiedene Diskettenformate und war schneller und flexibler als das 1541.

Der C128 blieb grundsätzlich kompatibel zu vielen C64‑Peripheriegeräten, darunter Joysticks, Drucker und Laufwerke. Diese Rückwärtskompatibilität war ein weiterer Baustein der Strategie, bestehende Nutzer nicht zu verlieren und den Umstieg zu erleichtern.

Markteinführung und Positionierung

Der C128 wurde offiziell auf der CES im Januar 1985 vorgestellt. Commodore positionierte ihn als „nächsten Schritt“ für C64‑Besitzer, die mehr wollten: mehr Speicher, bessere Textdarstellung, erweiterte Programmiermöglichkeiten und Zugang zu CP/M‑Software. Gleichzeitig sollte der C64 im Markt bleiben und weiterhin als günstiger Einstiegsrechner dienen.

Preislich lag der C128 über dem C64, aber unter vielen 16‑Bit‑Systemen. Damit befand er sich in einer Zwischenposition: leistungsfähiger als klassische 8‑Bit‑Heimcomputer, aber nicht so stark wie die neuen 16‑Bit‑Maschinen. Diese Zwischenposition war Chance und Risiko zugleich.

Rezeption und praktische Nutzung

In der Praxis wurde der C128 von vielen Anwendern vor allem als „besserer C64“ genutzt. Die C64‑Kompatibilität war ein starkes Argument, und viele Käufer nutzten zunächst überwiegend den C64‑Modus, um ihre vorhandene Software weiter zu verwenden. Spezielle C128‑Software erschien zwar, blieb aber im Vergleich zur C64‑Bibliothek deutlich begrenzter.

Der 80‑Zeichen‑Modus und BASIC 7.0 machten den C128 für Textverarbeitung, Programmierung und andere produktive Aufgaben attraktiver. Dennoch blieb der große Durchbruch im professionellen Bereich aus, da 16‑Bit‑Systeme und später PCs mit MS‑DOS und kompatiblen Plattformen zunehmend dominierten.

Der CP/M‑Modus war technisch interessant, wurde aber in der Praxis weniger genutzt als erhofft. Gründe waren unter anderem die Performance, die Abhängigkeit von bestimmten Laufwerken und der generelle Rückgang der Bedeutung von CP/M zugunsten anderer Plattformen.

Lebensdauer und Produktionsende

Der C128 wurde ab 1985 produziert und blieb bis Ende der 1980er Jahre im Programm. Im Vergleich zum C64 war seine Lebensdauer kürzer, was vor allem an der sich schnell verändernden Marktsituation lag. Der Fokus verschob sich zunehmend auf 16‑Bit‑Systeme, den Amiga und später auf IBM‑PC‑kompatible Rechner.

Trotzdem wurden mehrere Millionen C128‑Einheiten verkauft (genaue Zahlen variieren je nach Quelle), und der Rechner etablierte sich als ernstzunehmende Weiterentwicklung des C64 im 8‑Bit‑Segment. Er gilt heute als das technisch komplexeste und vielseitigste 8‑Bit‑System, das Commodore im Heimcomputerbereich auf den Markt brachte.

Bedeutung im Rückblick

Rückblickend lässt sich der C128 als ein Produkt verstehen, das zwischen zwei Welten stand: Er war einerseits tief im 8‑Bit‑Erbe des C64 verwurzelt, andererseits versuchte er, mit 80‑Zeichen‑Modus, CP/M‑Unterstützung und erweitertem BASIC in Richtung professioneller Einsatzfelder vorzustoßen. Seine Mehrmodigkeit, die Dual‑CPU‑Architektur und die Kombination aus VIC‑IIe und VDC machten ihn zu einem technisch bemerkenswerten System.

Gleichzeitig zeigt seine Geschichte, wie schwierig es ist, einen erfolgreichen Vorgänger abzulösen, ohne dessen Markt zu gefährden, und wie schnell sich die Anforderungen an Heim‑ und Bürocomputer Mitte der 80er Jahre verschoben haben. Der C128 war in vieler Hinsicht der „letzte große“ 8‑Bit‑Heimcomputer von Commodore – ein System, das die Möglichkeiten der 8‑Bit‑Architektur weit ausreizte, bevor die 16‑Bit‑Generation endgültig die Bühne übernahm.

Fazit

Die Entstehungsgeschichte des C128 ist geprägt von technischen Kompromissen, klaren Designzielen und einem Markt im Übergang. Commodore versuchte, mit einem einzigen System mehrere Zielgruppen zu bedienen: C64‑Nutzer, die aufrüsten wollten, Anwender mit Bedarf an 80‑Zeichen‑Text und CP/M‑Software sowie Käufer, die ein moderneres, aber dennoch vertrautes 8‑Bit‑System suchten. Das Ergebnis war ein komplexer, vielseitiger Rechner, der technisch beeindruckend, aber marktstrategisch in einer schwierigen Zwischenposition war.

Für die Geschichte der Heimcomputer bleibt der C128 ein wichtiges Bindeglied: Er zeigt, wie weit man die 8‑Bit‑Technik treiben konnte, und markiert zugleich den Übergang in eine Ära, in der 16‑Bit‑Systeme und PCs die Rolle des „Standardrechners“ übernahmen. Seine Architektur, seine Mehrmodigkeit und seine klare Ausrichtung auf Kompatibilität und Erweiterung machen ihn zu einem der interessantesten Kapitel in der Entwicklung der Commodore‑Heimcomputerlinie.